Der neue Antirassismus und die „kulturelle Aneignung“

Critical Whiteness“, „Triggerwarnungen“ und „kulturelle Aneignung“ – An amerikanischen Universitäten lässt sich eine neue Erscheinungsform des Antirassismus beobachten, die durch das Internet in den vergangenen Jahren auch langsam in unserem gesellschaftlichen Diskurs Einzug hielt. Der segregationistische Antirassismus.

Doch wie sinnvoll und rational ist die Theorie? Hilft uns eine neue Herangehensweise im Kampf gegen Rassismus? Und am aller wichtigsten: Was ist das überhaupt?

 

Von: Tobias Kaluza

 

Was ist segregationistischer Antirassismus?

Segregationistischer Antirassismus ist erst einmal ein neuer, sperriger Begriff im Fachvokabular der Sozial- und Politikwissenschaften. Segregation bezeichnet in der Soziologie ganz allgemein eine Trennung von unterschiedlichen Elementen. Hier sind diese Elemente Menschen, die segregiert, also voneinander getrennt werden. Segregation lässt sich häufig in Städten beobachten, wo die Menschen in Religionen, Ethnien und Einkommensklassen aufgeteilt leben. So gibt es in Belfast Viertel von Katholiken und von Protestanten, in New York Stadtbezirke die mehrheitlich von Weißen oder Schwarzen bewohnt werden und in Los Angeles Gebiete mit Menschen, die in Armut leben und Gebiete, in denen die reichsten der Reichen leben. Doch was hat diese Segregation mit Antirassismus zu tun?

Auf Gesellschaftspolitik übertragen beschreibt die Bezeichnung eine relativ neue Form von Antirassismus, die u.a. an Hochschulen in den USA weit verbreitet ist und in den letzten Jahren auch in Europa AnhängerInnen gefunden hat. In den Vereinigten Staaten nennt sich diese neue Denkweise „Critical Whiteness“. Übersetzt bedeutet es so viel wie „kritische Weißseinsforschung“ und hat das Ziel weißen Menschen deutlich zu machen, dass sie nicht einfach nur Menschen sind. Sie sind weiße Menschen. Der weiße Mensch werde in der Gesellschaft als „normal“ wahrgenommen und der Nichtweiße als „anders“.

Richtig erkannt bis hierhin. Denn das ist das Prinzip von klassischem Rassismus. Doch AnhängerInnen der Theorie der „Critical Whiteness“ werfen weißen Linken vor, sie würden Rassismus verharmlosen oder sogar fördern, indem sie nicht einsehen, dass Menschen sich durch ethische Kriterien unterscheiden. Das Stichwort heißt: „Privilegien“.

Check your privilege“ hört man dann häufig im Zusammenhang mit innerlinken Diskussionen über „Critical Whiteness“. Man solle die eigenen Privilegien überprüfen, die man auf Grund von Ethnie, Klasse, Geschlecht, Sexualität, usw. hat. So wird schnell jede Person zur RassistIn erklärt, die Kritik an dieser Denkweise äußert, obwohl sie zu einer „über privilegierten“ Gruppe gehört und somit nicht das Recht dazu habe, aus ihrer gesellschaftlich überlegenen und vorteilhafteren Position heraus, zu kritisieren.

Rassismus kann einem auch aus viel banaleren Gründen, als bloßer Kritik vorgeworfen werden. Eine weiße Person, die Dreadlocks trägt, ist nämlich rassistisch. Zumindest nach dem Denkmuster der segregationistischen AntirassistInnen. Denn das Tragen von Dreads durch Weiße sei „kulturelle Aneignung“. Dieser Begriff ist ein Grund, warum diese Form des Antirassismus Segregation betreibt. „Kulturelle Aneignung beschreibt die Praxis der Übernahme eines Teils einer Kultur durch eine andere Kultur. Im Visier der Kritik steht hier die „weiße Kultur“, die nicht genauer differenziert wird, aber die Teile von anderen Kulturen kopiere und entwende. So seien die Dreadlocks aus der afroamerikanischen Kultur von Weißen übernommen worden

Im Sommer 2016 begann in Deutschland eine Debatte um diese Dreadlocks und um „kulturelle Aneignung“, nachdem die Bloggerin und Autorin des Magazins „Missy Magazine“, Hengameh Yaghoobifarah, über das Fusion-Festival schrieb. Auf diesem Festival sei der Rassismus allgegenwärtig gewesen, zumindest wenn man den Eindrücken der Autorin folgt. Überall Weiße mit Dreadlocks oder Kostümen, wie z.B. Warbonnets (Kopfschmuck einiger nordamerikanischer indigener Stämme, die als Auszeichnung für Tapferkeit verliehen wurde). Zu allem Überfluss gab es exotisch anmutendes Essen, das von Weißen serviert wurde. Das schien zu viel für die empörte Autorin gewesen zu sein, die sich in ihrem undifferenzierten und unsachlichen Artikel über diese „White Supremacy“ beklagte und offenbar enttäuscht darüber war, dass die Menschen an der Essensausgabe nicht nach Ethnien segregiert waren.

Doch nicht nur in Magazinen im Internet finden sich AktivistInnen, die gegen „kulturelle Aneignung“ kämpfen. Auch das „Queer Zinefest Berlin“ (Veranstaltung mit Workshops und Ständen für nicht kommerzielle und autonome Medien) fiel durch seine „Hausregeln“ auf. So hieß es auf einem Aushang für Verhaltensregeln beim Zinefest, dass keine weißen BesucherInnen mit Dreads oder Plugs erwünscht seien, da dies eine Diskriminierung der „People of Colour“ (Menschen, die nicht weiß sind) sei. Auf der Facebook Seite des Queer Zinefestes Berlin heißt es auch, dass die Besucher bitte ihre Privilegien reflektieren sollen. „Check your privilege“ also.

Auch die Kunst bleibt nicht unberührt von der „kulturellen Aneignung“. Als die Künstlerin Dana Schutz ein Gemälde bei einer Kunstausstellung in New York bei der Whitney-Biennial zeigen wollte, stellten sich AktivistInnen vor das Bild, um zu verhindern, dass die BesucherInnen es nicht anschauen können. Andere forderten sogar die Zerstörung und Verbrennung des Bildes. AktivistInnen setzen sich für die Vernichtung von Kunst ein?

Das Problem für die Vertreter der „Critical Whiteness“ war die Tatsache, dass das Gemälde eine Verarbeitung eines Fotos ist. Ein Foto vom 1955 gelynchten afroamerikanischen Jungen Emmett Till. Doch Dana Schutz ist weiß. Das sei rassistisch, wenn eine weiße Künstlerin das Bild eines ermordeten schwarzen Jungen für ihr Werk benutzt.

Diese „kulturelle Aneignung“ sei eine Fortsetzung von kolonialer Gewalt. So legt es ein Artikel der Autorin Noa Ha, die wie Yanghoobifarah für das „Missy Magazine“ schreibt, nahe. Denn das Prinzip „kultureller Aneignung“ produziere „neue koloniale Verhältnisse“.

Wer das alles bis hierhin schon seltsam genug findet, wird bei „Triggerwarnungen“ auf Büchern in amerikanischen Universitäten noch ungläubiger schauen. Erstmal, was ist eine „Triggerwarnung“?

Das Wort „Trigger“ (engl. für „Auslöser“) beschreibt in der Psychologie eine Situation, die traumatische Erfahrungen auslöst und somit das Trauma wieder wachrufen kann. Auf Gesellschaftspolitik übertragen bedeutet es, dass jemand aus einer privilegierten Gruppe aus seiner dominanten Position heraus andere Menschen „triggern“ kann. Das muss nicht mal aus Absicht passierten. Je mehr Privilegien jemand vermeintlich hat, desto eher kann diese Person zum Täter von rassistischer und diskriminierender Gewalt werden.

Mit solchen Warnungen vor Dingen, die „triggern“ und verletzen könnten, werden nun in den USA an manchen Hochschulen einige Bücher versehe. Beispielsweise die „Kritik der reinen Vernunft“ von Immanuel Kant, ein Klassiker der Aufklärung. Da damals, als das Werk erschien (1781), andere Ansichten und Ausdrucksweisen üblich waren und dies „triggernd“ wirken könne, wird auf dem Einband nun davor gewarnt.

Die Frage ist nun, ob diese Form von Antirassismus tatsächlich gegen Rassismus hilft. Die „Critical Whiteness“ betreibt mit ihrer Kritik an „kultureller Aneignung“ eine Politik, die Menschen auf Grund ihrer kulturellen Herkunft trennt, sie segregiert. Zwar soll man zusammenleben, jedoch nicht die Kultur der Anderen übernehmen. Abgesehen von „People of Colour“, die „weiße Kultur“ übernehmen, denn das ist unproblematisch in den Augen, der segregationistischen AntirassistInnen, da diskriminierende Gewalt ihrer Meinung nach immer nur in eine Richtung ausgeübt werden kann.

 

Wie rational ist segregationistischer Antirassismus?

Dieses Aufteilen in kulturelle Herkunft und Ethnien wirkt verdächtig bekannt. Das Denkmuster hat man bereits irgendwo gesehen und gehört. Und dieses Gefühl eines ideologischen Déjà-vu trügt nicht, denn im Prinzip handelt es sich hierbei um reinen Ethnopluralismus. Dieser ist eigentlich ein zentraler Punkt in der Ideologie der Neuen Rechten. Ethnopluralismus ist eine moderne Erscheinungsform von Rassismus. Früher basierte Rassismus auf Rassenlehre. Die Menschen wurden in Rassen eingeteilt, begründet mit pseudowissenschaftlicher Biologie. Diese alte Form des Rassismus nennt man Biologismus und sie war eine Grundlage der nationalsozialistischen Rassenideologie. Heute denken Rechte in Kulturen nicht in Rassen. Sie teilen die Menschen in Ethnien ein, in kulturelle Herkunft. Das ist Ethnopluralismus.

Neben solchen Ansichten scheint der segregationistische Antirassismus auch in kulturellen Identitäten zu denken. Jeder Kultur wird eine eigene Identität zugesprochen, die aus ihren Traditionen, Bräuchen, historischen Erfahrungen etc. gebildet wird. Diese Kulturen müssen gegen den schädlichen Einfluss einer weißen Kultur geschützt werden. Dabei ist es egal, was für eine weiße Kultur das ist. Während nicht-weiße Kulturen genau differenziert werden, scheint das bei weißen Kulturen nicht wichtig zu sein, egal ob kalifornisch, frankokanadisch, nordisch, oder slawisch. Auch dieses Denkmuster kommt einem bekannt vor. Neurechte wie die Mitglieder der rechtsextremen Identitären Bewegung sind ebenfalls überzeugt, dass es unterschiedliche Kulturen gibt, die man voneinander trennen müsse. Sie wollen die „europäische Kultur“ vor dem Einfluss von fremden Kulturen schützen. Die Denkstruktur ist dieselbe, nur die Rollen von Opfer und Täter sind vertauscht. Macht es nun Sinn Kulturen voneinander zu trennen, um somit Rassismus zu bekämpfen?

Die AnhängerInnen des segregationistischen Antirassismus haben in einem Punkt Recht: Sie haben das Problem erkannt, ziehen allerdings die völlig falschen Schlüsse. „Kulturelle Aneignung“ kann tatsächlich Teil einer rassistischen Struktur sein, wenn andere Kulturen diffamiert werden sollen. So haben weiße Schausteller im 19. Jahrhundert „Blackfacing“ betrieben, sich also die Gesichter schwarz angemalt, um die Kultur der Afroamerikaner lächerlich zu machen. Auch sogenannte „Indianerspiele“ sind rassistisch, wenn ihr einziger Inhalt daraus besteht, sich über indigene Kulturen lustig zu machen.

Doch die Ideologie der Vertreter der „Critical Whiteness“ hat entscheidende und schwerwiegende Fehler. Nicht nur, dass echter Rassismus von Seiten der AfD und anderen Rechten bis Rechtsextremen relativiert wird, wenn man „kulturelle Aneignung“ mit Kolonialismus vergleicht, oder Dreads tragende Menschen ebenso zu RassistInnen erklärt, wie Björn Höcke, Stephen Bannon oder Lutz Bachmann, man führt auch ernsthaftes antirassistisches Engagement ad absurdum. Denn während Linke untereinander streiten, ob man als Weißer Dreadlocks tragen darf oder nicht, werden Asylgesetze verschärft, Menschen in Kriegsgebiete abgeschoben, Einreiseverbote für bestimmte Ethnien verhängt, Unterkünfte abgebrannt und der Holocaust relativiert und geleugnet.

Die jahrzehntelange Arbeit von AntirassistInnen wird lächerlich gemacht, wenn man jetzt damit anfängt Menschen in Kulturen einzuteilen, um Rassismus zu bekämpfen. Der segregationistische Antirassismus will Kritik an einer Kultur oder Religion verbieten, da es rassistisch sei als Privilegierter diese anderen Kulturen zu denen man nicht gehört zu bewerten. Auch nicht-weiße Kritiker werden scharf angegangen und als Verräter an der Sache bezeichnet.

Genauso ist die Vorstellung falsch, dass Diskriminierung nur in eine Richtung gehen kann. Natürlich ist es möglich als Weißer diskriminiert zu werden. Ist das Problem Rassismus mit dieser Blockwartmentalität voller Sprachverbote und Segregation zu lösen?

 

Wie wir solche Denkmuster überwinden können

Nein, diese dogmatische und beinahe autoritäre Herangehensweise kann keine Lösung darstellen. Echter Antirassismus kämpft seit Jahrzehnten für eine freie Welt in der alle Menschen, ungeachtet von Ethnie, Herkunft, Sexualität, Geschlecht, Religion etc. gleichberechtigt und gemeinsam leben können. Gemeinsam, nicht segregiert.

Glaube diese Menschen denn tatsächlich, dass sich Ausgrenzung mit Ausgrenzung bekämpfen lässt? Wollen wir wirklich eine Welt, in der alle Ethnien schön voneinander getrennt sind und ist das nicht eigentlich genau das, was Rechte wollen, wenn sie gegen „dieses Multikulti“ wettern?

Ganz klar: Aufteilung, Trennung und Spaltung ist nie eine Lösung für Rassismus, da es völlig kontraproduktiv ist. Denn Rassismus entsteht doch erst, wenn Menschen voneinander getrennt sind. Nicht umsonst redet man Fremdenfeindlichkeit, wenn Menschen andere Menschen auf Grund derer kulturellen Herkunft hassen, weil sie die Kultur als fremd wahrnehmen.

Jeder gesellschaftliche Fortschritt ist das Produkt von Vermischung von Kulturen. Denn beinahe alles, was als „europäische Kultur“ bezeichnet wird, hat seinen Ursprung in einer anderen Kultur und wurde von dort importiert. Eine multikulturelle Gesellschaft ist die Zukunft und eine Lösung gegen Rassismus kann nur gefunden werden, wenn wir alle vereint zusammenstehen.

Ein Kommentar zu „Der neue Antirassismus und die „kulturelle Aneignung“

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